Vor Kurzem hatte ich die wunderbare Gelegenheit, an der ATEE Winterkonferenz 2026 in Braga teilzunehmen. Die Konferenz bot eine hervorragende Plattform für den Austausch über aktuelle Entwicklungen in der Lehrerbildung. Ich durfte dort zwei Vorträge halten, die mir persönlich sehr am Herzen liegen und die zwei ganz unterschiedliche, aber gleichermaßen wichtige Aspekte der Hochschulmathematik beleuchten.
1. Hausaufgaben mit Ton und Bild: Erklärvideos von Studierenden
In meinem ersten Vortrag, den ich gemeinsam mit Brigitta Békési (Johannes Kepler Universität Linz) erarbeitet habe, stand ein praxisnahes didaktisches Konzept im Mittelpunkt. Wir haben uns mit der Herausforderung befasst, dass traditionelle schriftliche Hausübungen in abstrakten Fächern wie der Linearen Algebra oft zu einer mechanischen „Abschreibkultur“ führen, anstatt echtes konzeptionelles Verständnis zu fördern.
Als Lösungsansatz haben wir schriftliche Aufgaben durch die Erstellung von Erklärvideos durch die Studierenden ersetzt.
- Die Studierenden erhielten über das Semester verteilt verschiedene mathematische Aufgaben und zeichneten ihre Lösungswege selbstständig auf.
- Dieser Ansatz stützt sich auf die Selbstbestimmungstheorie und den Konstruktionismus, bei dem das aktive Erstellen eines öffentlichen Artefakts den Lernprozess vertieft.
- Durch das didaktische Prinzip „Lernen durch Erklären“ werden metakognitive Prozesse angeregt und die Studierenden müssen tiefer in die mathematischen Strukturen eindringen.
- Unsere Begleitforschung zeigte, dass das Selbstvertrauen der Studierenden bei der Erklärung mathematischer Sachverhalte signifikant anstieg.
- Die Aufgabe wurde von den Teilnehmenden im Laufe des Semesters zunehmend als nützlich für ihren zukünftigen Beruf als Lehrkraft empfunden.
- Ein weiterer positiver Effekt war der reduzierte Leistungsdruck, da die Videoaufzeichnung im Gegensatz zum direkten Vorrechnen an der Tafel mehrere Versuche ermöglicht und so Prüfungsangst mindert.
2. Numbers Don’t Lie? Ethik und Verantwortung in der mathematischen Modellierung
Mein zweiter Vortrag, den ich zusammen mit Gregor Nickel (Universität Siegen) gestaltet habe, widmete sich einem philosophischeren, aber hochaktuellen Thema. Oft wird Mathematik als völlig objektive und neutrale Sprache wahrgenommen. Wir wollten die Vorstellung hinterfragen, dass mathematische Modellierung eine rein wertfreie Übung ist.
- Anhand diverser Beispiele – vom Einheiten-Fehler beim Mars Climate Orbiter über Konstruktionsfehler bei der Hochrheinbrücke bis hin zu fehlerhaften statistischen Argumentationen im tragischen Fall Sally Clark – haben wir aufgezeigt, wie fehleranfällig Modelle in der Praxis sein können.
- Die Modellierung erfordert immer subjektive Gewichtungen und die bewusste Entscheidung darüber, was in einem Modell relevant und was vernachlässigbar ist.
- Wir haben diskutiert, dass Mathematisierung oft kein passives Beschreiben ist, sondern ein aktiver, normativer Eingriff in die Welt.
- Dies zeigt sich unter anderem sehr deutlich bei der Standardisierung durch Universitätsrankings oder wenn der Goldene Schnitt in der ästhetischen Medizin zur Definition idealer menschlicher Schönheit herangezogen wird.
- Unsere Kernbotschaft lautete, dass „innermathematische Sorgfalt“ (also das rein formale, richtige Rechnen) allein nicht ausreicht.
- Wahre Verantwortung erfordert, die inhärenten Grenzen jedes Modells zu respektieren und die Rückkopplungseffekte anzuerkennen, wenn deskriptive Zahlen plötzlich zu normativen Leitplanken für menschliches Handeln werden.
Es war großartig, diese Themen im Rahmen der Konferenz mit Kolleginnen und Kollegen zu diskutieren und Impulse für die weitere Lehre und Forschung mitzunehmen.


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