Hier auf der ATEE Annual Conference in Białystok bereite ich mich gerade auf meine Präsentation (über eine gemeinsame Arbeit mit Benjamin Rott) zum kognitiven Aktivierungspotenzial von Übungsaufgaben vor. Der heutige Nachmittag bot dafür jedoch zunächst einen inspirierenden bildungspolitischen Rahmen: Die erste Plenary Session mit einer Keynote von Nicole Mockler (University of Sydney), die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Sie begann mit der Diskrepanz zwischen Landkarte und Territorium und nutzte Wisława Szymborskas Gedicht Utopia als zentrale Metapher. Utopia beschreibt eine Insel der absoluten Gewissheit, auf der es keine Ambiguität gibt: ein Ort, an dem jedoch niemand lebt. Dieses Bild nutzte sie meisterhaft, um die aktuelle globale Bildungspolitik zu kritisieren. Der politische Diskurs macht oft die sinkende Schülerqualität an der Qualität der Lehrkräfte fest und schiebt die Schuld letztlich auf die Lehrerbildung.
Die Systematik der Bildungsreformen und Mocklers Forschung
Mockler forscht seit Jahren intensiv an der Schnittstelle von Bildungspolitik und der professionellen Entwicklung von Lehrkräften. In Arbeiten wie Constructing Teacher Identities (2022) analysiert sie, wie Medien und Politik eine oft künstliche Krise der Lehrerqualität heraufbeschwören, um weitreichende Eingriffe zu legitimieren. Genau diese Kritik an der „Audit-Kultur“ zog sich wie ein roter Faden durch ihren Vortrag.
Sie beschrieb, wie das sogenannte „Global Education Reform Movement“ (GERM) durch eine Art „Markenpiraterie“ in verschiedenen Ländern Einzug hält, wobei dieselben Begrifflichkeiten lokal völlig unterschiedlich interpretiert werden. Am Beispiel Australiens zeigte sie auf, wie sich die Lehrerbildung in vier Phasen transformiert hat:
- 1999–2007 (Quality Assurance & Status): Der Fokus lag auf der Steigerung der Attraktivität des Berufs. Die Lehrerbildung selbst wurde noch nicht als „Problem“ gesehen.
- 2008–2014 (Federalism & Intensification): Das Verständnis von „evidenzbasierter Praxis“ begann sich zunehmend zu verengen.
- 2015–2021 (Standardisation & Accountability): Einführung verpflichtender standardisierter Lese- und Rechentests für angehende Lehrkräfte sowie strenger Performance-Assessments.
- 2022–2026 (Prescription & Oversight): Staatlich vorgeschriebene Kerninhalte und die strenge Koppelung der Hochschulfinanzierung an Absolventendaten dominieren die aktuelle Phase.
Die Insel der Utopie und der Verlust des „Professional Judgement“
Die Konsequenz dieser Politik visualisierte sie wunderbar als „The Island of (Initial Teacher Education) Utopia“. Auf dieser Landkarte navigiert die Bildungspolitik durch die Untiefen der Rechenschaftspflicht und errichtet Berge von Kerninhalten, während das eigentliche pädagogische Ermessen (die Professional Judgement Wilderness) zunehmend zum Sperrgebiet wird. Mockler warnt in ihrer wissenschaftlichen Arbeit stetig davor, dass eine Überbetonung von Standardisierungen die Autonomie und intellektuelle Formation der Lehrkräfte untergräbt – ein Phänomen, das sie im Vortrag als den Versuch entlarvte, Lehrerbildung auf das rein technische Abarbeiten von messbaren Lernzielen zu reduzieren.

Dass dies kein rein australisches Phänomen ist, illustrierte sie in einer Gegenüberstellung von Konvergenz und Widerstand: Während Länder wie England und Schweden eine starke Marktorientierung oder Dequalifizierung erleben, setzen Norwegen und Finnland weiterhin erfolgreich auf Forschung, Vertrauen und Autonomie.
Der Verlust der Bildung durch absolute Sicherheit
Besonders spannend wurde es, als sie den Preis dieser Kontrollwut analysierte. Mockler stellte den reformgetriebenen Normen die Visionen der UNESCO (2021) und der UN (2024) gegenüber. Diese fordern Lehrkräfte, die als „Agents of Change“ Neugier und Problemlösekompetenz wecken und betonen, dass Lehrerbildung auf Kollaboration und Autonomie basieren muss. Die derzeitige Standardisierung zerstört jedoch genau diese essenziellen Eigenschaften.
Mockler unterstrich dies mit prägnanten Zitaten:
- Gert Biesta bringt es auf den Punkt: „To make education 100 percent safe, to make it 100 percent risk-free, thus means that education becomes fundamentally uneducational.“ Wenn wir das Risiko menschlicher Begegnung aus der Bildung entfernen, verschwindet die Bildung selbst.
- Raewyn Connell argumentiert in dieselbe Richtung: Bildung erfordert Begegnung und Fürsorge. Wenn Lehrkräfte gezwungen werden, wie Maschinen zu agieren, wird genau diese Fähigkeit zur Fürsorge unterdrückt.
Ein strukturelles Problem?
Zum Abschluss verwies Mockler auf eine noch radikalere These von Ball und Collet-Sabé. Sie fragen, ob wir nicht den guten Willen der individuellen Lehrkräfte hinterfragen sollten, sondern deren Konstitution innerhalb der historischen und strukturellen Architektur der Institution Schule selbst. Ist das System Schule überhaupt noch in der Lage, transformative, demokratische Bildung hervorzubringen, oder ist es inhärent auf Kontrolle und die Produktion messbarer Subjekte programmiert?
Mocklers Fazit war ein kraftvolles Plädoyer dafür, das Territorium nicht mit der Landkarte zu verwechseln. Wahre Bildung bleibt unsicher, relational und bedeutungsvoll. Wer eine völlig sichere, messbare und risikofreie Pädagogik fordert, landet auf Szymborskas Insel: Ein Ort, der auf dem Papier perfekt ist, an dem in der Realität jedoch niemand leben (und lernen) kann.
Letztlich ist Mocklers Vortrag ein eindringliches Plädoyer für eine holistische Bildung, die sich dem Diktat des ständigen Messens und Quantifizierens mutig entgegenstellt. Diese Problematik reicht weit über die Lehrerbildung hinaus und berührt fundamentale Fragen, die ich auch in meinen Überlegungen zur Ethik mathematischen Modellierens immer wieder diskutiere: Die zwanghafte Mathematisierung komplexer menschlicher Realitäten erzeugt oft nur trügerische Scheinsicherheiten. Wenn wir pädagogische Qualität nur noch als das definieren, was sich in standardisierten Metriken abbilden lässt, verlieren wir den eigentlichen Sinn des Lernens aus den Augen. Eine zukunftsfähige, demokratische Bildung braucht keinen blinden Glauben an Daten-Dashboards, sondern den Mut zum Unberechenbaren, intellektuelle Tiefe und die ethische Einsicht, dass das Wesentliche in der Begegnung, und nicht im Algorithmus liegt.

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